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Rudolf Steiner: Der Hüter der Schwelle

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Kartenreservierung: info@odysseetheater.com oder Tel.: +43 (676) 9 414 616 → Flyer alle Termine

Elektra

Aus Odysseetheater
Elektra
Elektra
Sophokles
1998

Personen

Elektra Elisabeth Meixner
Klytaimnestra Veronika Kerschbaum
Chrysothemis Caroline Raab
Orest Manfred Seitinger
Aigisthos Wolfgang Peter
Der Alte Josef Unger
Regie: Wolfgang Peter

Inhalt

Elektra und Aigisthos

Verbittert trauert Elektra (von griech. ἤλεκτρον, ḗlektron „Bernstein“, hier in der Bedeutung „die Strahlende“) um ihren Vater Agamemnon, der nach seiner Rückkehr aus dem Trojanischen Krieg von ihrer eigenen Mutter Klytaimnestra und deren Liebhaber Aigisthos heimtückisch erschlagen worden war. Elektra, geknechtet von den Mördern ihres Vaters, sinnt auf Rache und hofft auf die Rückkehr ihres geliebten Bruders Orest, den sie damals gerade noch rechtzeitig vor ähnlichem Schicksal bewahrt und der Obhut eines treuen Dieners übergeben hatte, der ihm seitdem, fern der Heimat, als fürsorglicher Erzieher zur Seite gestanden war. Vergeblich versuchen die Frauen von Mykene Elektra zu trösten.

Elektras Schwester Chrysothemis, die sich längst duldend mit ihrem Schicksal abgefunden hat, warnt Elektra: wenn sie ihre Klagen nicht verstummen ließe, werde sie von Aigisthos, sobald dieser wieder zurück sei, und von ihrer Mutter lebendig in ein Felsengrab gesperrt. Doch Elektra, bereit ihren Feinden zu trotzen, wirft ihr bloß Feigheit vor. Chrysothemis, die einsieht, daß jedes weitere Wort vergeblich ist, will sich auf den Weg machen, die Grabspenden, die sie in Händen trägt, am Grab ihres Vaters zu opfern. Die Mutter habe sie gesandt, getrieben von einer nächtlichen Vision, durch diese Gaben den toten Vater zu versöhnen. Elektra beschwört ihre Schwester, des Vaters Grab nicht durch die Gaben der unseligen Mutter zu entehren.

Klytaimnestra bekennt sich reuelos zum Gattenmord, denn sie habe Agamemnon zu recht getötet, weil dieser ihre Tochter Iphigenie am Altar der Artemis geopfert hat. Doch Elektra schleudert ihr entgegen, sie habe Agamemnon nur getötet, weil sie die Geliebte des Aigisthos geworden war, mit dem sie nun schamlos zusammenlebt. Vor Zorn bebend und sich nur mühsam beherrschend fleht Klytaimnestra Apollon um Hilfe an.

Ein fremder alter Mann, der, wie er sagt, aus Phokis sei, überbringt die Botschaft, daß Orest tot sei, gefallen im Wagenrennen zu Delphi. Klytaimnestra, die beständig fürchten mußte, daß Orest einst als Rächer Agamemnons wiederkehren würde, ist erleichtert und meint, ihr Gebet sei erhört worden; doch Elektra ist verzweifelt und sieht sich um ihre letzte Hoffnung betrogen.

Elektra klagt den Frauen von Mykene ihr Leid, da naht freudestrahlend Chrysothemis: auf dem Grab des Vaters habe sie unverkennbare Zeichen gefunden, daß Orest zurückgekommen sei. Doch schnell schwindet ihre Freude, als ihr Elektra die Botschaft des Alten darlegt. Elektra beschwört ihre Schwester: nun seien nur mehr sie beide als Rächer des Vaters verblieben. Gemeinsam müßten sie die Mutter und Aigisthos töten. Doch geängstigt will sich Chrysothemis lieber den Mächtigen beugen.

PAUSE

Ein fremder Jüngling überbringt die Urne, in der die Asche Orests bewahrt sei. Elektra, die Urne umklammernd, beweint ihren Bruder. Da gibt sich der Jüngling zu erkennen: es ist Orest. Seinen vermeintlichen Tod habe er nur benutzt um Klytaimnestra in Sicherheit zu wiegen. Der Alte sei sein ehemaliger Erzieher und ihm treu ergeben. Jubelnd umarmt Elektra ihren Bruder. Nach einem kurzen Gebet eilt Orest in den Palast und tötet die Mutter, während Elektra das Tor bewacht.

Aigisthos, der unterwegs vernommen hat, daß Orest tot sei, kehrt freudig zurück. Elektra öffnet das Tor, wo man den verhüllten Leichnam Klytaimnestras erblickt. Aigisthos meint Orests toten Körper vor sich zu haben, doch als er das Tuch zurückschlägt, erkennt er seine tote Geliebte. Orest treibt ihn in den Palast und tötet ihn an der selben Stelle, an der Aigisthos Agamemnon erschlagen hatte.

Der Alte überbringt die Nachricht von Orests Tod

Die Leiden von Tantalos Geschlecht

Griechenland zur Zeit des Trojanischen Krieges

Tantalos, ein Sohn des Zeus, wurde von den Göttern so hoch geachtet, daß er an ihrer Tafel sitzen und frei mit ihnen verkehren durfte. Doch soviel Glück machte ihn übermütig; er entwendete Nektar und Ambrosia von der Tafel der Olympier und verriet die Geheimnisse des Zeus den Sterblichen. Seinen größten Frevel aber beging er, als er, um die Allwissenheit der Götter zu prüfen, seinen eigenen Sohn Pelops zerstückelte und den Göttern als Mahl vorsetzte. Keiner von ihnen rührte das grausige Mahl an; nur die in Schmerz über ihre verlorene Tochter Persephone versunkene Demeter aß ein Stück von der Schulter. Die Götter fügten die Glieder des Pelops wieder zusammen und er wurde so zu einem zweimal Geborenen. Anstelle der fehlenden Schulter bekam er eine aus Elfenbein, weshalb nun alle seine Nachkommen ein weißes Mal an der Schulter tragen. Tantalos aber wurde für seine Freveltat in den Hades gestoßen, wo er höllische Qualen erleiden mußte. Mitten in einen Teich gebannt konnte er, vom Durst gequält, doch niemals das labende Wasser erreichen; auch litt er verzehrenden Hunger, und ein Felsblock der über ihm schwebte und beständig herunterzustürzen drohte, versetzte ihn in Todesangst.

Pelops wanderte nach Westen und kam zu dem später nach ihm benannten Peloponnes, wo er sich in die schöne Königstochter Hippodameia verliebte. Doch ihr Vater Oinomaos machte es denen, die um ihre Hand warben, nicht leicht.

Da ihm nämlich geweissagt worden war, daß er durch seinen Schwiegersohn umkommen würde, so verlangte er, von ihm im Wagenrennen besiegt zu werden; wer aber verlor, den tötete er mit der Lanze. Pelops flehte zu Poseidon, worauf ihm dieser einen goldenen Wagen und ein Paar windschneller Rosse schenkte. Doch auch die verliebte Hippodameia half ihm, indem sie Myrtilos, den Wagenlenker ihres Vaters, mit falschen Zuneigungen so betörte, daß dieser die eisernen Splinten der Achse durch schwarzes Wachs ersetzte. So zerschellte im Wettkampf der Wagen des Oinomaos und dieser stürzte zu Tode. Den lästigen Myrtilos aber stürzte Pelops ins Meer. Sterbend verfluchte dieser das ganze Geschlecht des Pelops, auf dem seither finsteres Verhängnis lastet.

Eines Tages wandte Pelops seine Liebesgunst einer schönen Nymphe zu, die ihm den Knaben Chrysippos gebar. Tief verletzt darüber befahl Hippodameia ihren beiden Söhnen Atreus und Thyestes, den Halbbruder zu töten. Als Pelops den Mord entdeckte, verbannte er seine beiden Söhne samt der Mutter, die in Mykene gastlich aufgenommen wurden. Später wurden Atreus und Thyestes Könige von Mykene und Argolis. Doch bald wurden sie über die Herrschaft uneinig.

Nach dem Erstgeburtsrecht kam Atreus die Herrschaft zu; außerdem besaß er einen Widder mit goldenem Fließ. Thyestes verleitete Airope, Atreus Gemahlin, ihm den Widder auszuhändigen, worauf er aber von Atreus verjagt wurde. Um sich dafür zu rächen sandte er des Atreus Sohn, Pleisthenes, den er als den seinigen aufgezogen hatte, nach Mykene, um Atreus zu ermorden. Doch der Anschlag mißlang und Atreus tötete unwissentlich seinen eigen Sohn. Zum Schein verzieh er Thyestes, doch dann bewirtete er ihn mit dem Fleisch seiner geschlachteten Söhne Pleisthenes und Tantalos. Anderen Erzählungen zufolge wurde Tantalos erst später durch Agamemnon getötet. Entsetzt floh jedenfalls Thyestes und verfluchte das Haus der Pelopiden abermals.

Als eine Hungersnot das Land heimsuchte und das Orakel sprach, daß nur die Rückführung Thyestes helfen könnte, ließ Atreus diesen suchen, fand aber zunächst nur dessen kleinen Sohn Aigisthos und zog ihn bei sich auf. Später wurde der Gesuchte von Agamemnon und Menelaos, den Söhnen des Atreus, gefunden. Atreus wollte Thyestes durch dessen eigenen Sohn, Aigisthos, umbringen lassen. Doch dieser tötete statt dessen gemeinsam mit seinem Vater ihn selbst und Thyestes übernahm die Herrschaft und vertrieb die Söhne des Atreus.

Beide flüchteten zu Tyndareos, dem König von Sparta, der sie liebgewann und mit seinen beiden Töchtern vermählte. Menelaos erhielt die schöne Helena und Agamemnon die Klytaimnestra. Manchen Erzählungen nach war Klytaimnestra bereits mit Tantalos, dem Sohn des Thyestes, verheiratet, als Agamemnon in heftiger Liebe zu ihr entflammte und kurzerhand ihren Mann, seinen eigenen Vetter, tötete. Er schlug Tantalos tot, riß sein weinendes Kind von der Brust der Mutter, entführte die junge Klytaimnestra und machte sie gewaltsam zu seiner Frau. Helena und Klytaimnestra, waren Zwillingsschwestern, doch entstammte Helena der Verbindung Ledas, der Gattin des Tyndareos, mit dem Göttervater Zeus. Leda ist auch die Mutter von Castor und Pollux, des anderen berühmten Zwillingspaares der griechischen Mythologie. Menelaos wurde der Nachfolger von Tyndareos und verhalf seinem Bruder Agamemnon zur Herrschaft in Mykene, aus dem Thyestes und Aigisthos vertrieben wurden.

Als Paris die schöne Helena raubte und nach Troja entführte, rüsteten sich die Griechen zum Krieg. Agamemnon stand seinem Bruder Menelaos bei, doch da er übermütig im heiligen Hain der Artemis einen Hirsch erlegt hatte, strafte die Göttin die vor Aulis liegende griechische Flotte mit totaler Windstille. Nur die Opferung von Agamemnons Tochter Iphigenie konnte die Göttin versöhnen. Dieses Opfer verzieh Klytaimnestra ihrem Mann niemals und schwor blutige Rache. Daß Iphigenie durch Artemis selbst gerettet worden war, wußte ja damals niemand. Auch Aigisthos sieht nun die Stunde der Rache nahen. Das Unheil nimmt seinen Lauf, dem neues Leid entspringt, und dieser neue tiefe Schmerz, der im Haus der Pelopiden wühlt, hat einen Namen, der, wörtlich übersetzt, die „Strahlende“ bedeutet: Elektra.

Schuld und Sühne, Rache und Vergeltung, oder Liebe, Mitleid und Vergebung

Sophokles räumte dem Mitleid (eleos, wovon sich die griech. Elegie, das Klagelied, ableitet) einen besonders hohen Wert ein, den es wenig früher in der ganzen antiken und orientalischen Welt noch nicht hatte, der sich aber in den elegischen Dichtungen der Griechen schon abzuzeichnen begann. Die Elegie war ursprünglich die Totenklage, in der sich das persönliche Leid ausdrückte, das man über den Tod eines nahen Verwandten empfand. Die Elegie ist ganz entschieden von persönlichen Gefühlen geprägt und leitet damit bereits von dem noch ganz überpersönlich erlebten Epos, in dem die übermächtigen Götter die Geschicke der Helden lenkten, zum ganz individuellen Ausdruck der Lyrik über. Eine ganz neue menschliche Fähigkeit leuchtet damit etwa im fünften vorchristlichen Jahrhundert erstmals in der Menschheitsgeschichte auf, in jener bedeutenden Epoche menschheitlicher Entwicklung, die der Philosoph Karl Jaspers treffend als Achsenzeit bezeichnet hat: denn tatsächlich spannte sich damals eine unsichtbare Achse bedeutender Menschen vom Orient zum Okzident, die von einem ganz neuen humanistischen Ideal beseelt waren, das sie die allmählich erwachende menschlichen Individualität in ihrem einzigartigen Wert würdigen ließ. Aber auch auf die unabsehbaren Gefahren wiesen sie hin, die entstehen, wenn der Mensch „von allen guten Göttern verlassen“, einsam auf sich selbst gestellt, im wüstesten Egoismus zu versinken droht, wie das wenig später viele römische Cäsaren in ihrer maßlosen Hybris, beispielgebend für alle Diktatoren bis zum heutigen Tag, so schrecklich vorgelebt haben.

»Zum Mitleid«, sagt Jean Paul, »genügt der Mensch, zur Mitfreude gehört ein Engel.« - und wie viele sind heute schon genügend „Mensch“ geworden, um echtes Mitleid empfinden zu können? Das Mitleid, wie es Sophokles beseelte, will ganz konkret und nicht als strohener moralinsaurer Begriff aufgefaßt werden: durch die Art, wie er seine Stücke gestaltete, fordert er das Publikum zum unmittelbaren und intensiven innigen Miterleben des Leides der handelnden Personen heraus. Nicht mehr allein der überpersönliche Wille der Götter, wie noch bei Aischylos, ist es, den man mit Ehrfurcht verfolgen muß, sondern der ganz persönliche Schmerz des einzelnen Menschen treibt die Handlung voran. Das gilt wohl ganz besonders für Sophokles “Elektra”. Wirkliche Empathie zu entwickeln, nicht durch den Intellekt getrübte Einfühlung, die Fähigkeit sich in die Situation und emotionale Lage eines anderen intuitiv hineinzuversetzen und ihn und sein Verhalten so unmittelbar und ohne nachzudenken zu verstehen – dazu regt Sophokles uns an. Furcht und Mitleid sollen uns zu einer inneren seelischen Reinigung, zur Katharsis führen – das hat wenig später Aristoteles als die wesentliche Aufgabe des Dramas angesehen. Dieser psychohygienische, therapeutische Ansatz ist untrennbar mit dem griech. Theater verbunden. Und nicht zufällig hat man den großen Dichter Sophokles zugleich als großen Heiler verehrt.

Sophokles führt uns einen scheinbar unentrinnbaren Teufelskreis von Schuld und Sühne, von Furcht, Rache, Haß und Vergeltung vor Augen. Wer ist hier nicht „tiefer Jahr um Jahr in Trauer fallend, mitvererbter Schuld in gleichem Maß anheimgegeben wie gehäufter Unbill, Menschennot und Krieg“ (J. Weinheber)? Wer hätte hier nicht sein psychologisch tief begründetes „Recht“ auf Rache? Wohl ist Klytaimnestra des grausamen Mordes an ihrem Gatten schuldig, sie gesteht es sogar freimütig ein; aber hat er sie nicht gewaltsam zur Frau genommen, nachdem er Klytaimnestras ersten Gatten und dessen Kind getötet hat, wie uns manche antiken Erzähler berichten? Hat er nicht Klytaimnestras geliebte Tochter Iphigenie am Altar geopfert? Darf man Klytaimnestra einfach verdammen, weil sie dafür Sühne fordert? Kann man aber nicht zugleich den unstillbaren Haß Elektras verstehen, die zusehen mußte, wie ihr geliebter Vater grausam hingeschlachtet und zerstückelt wurde, die ihren Bruder Orest nur im letzten Moment vor dem gleichen Schicksal bewahren konnte, und die seitdem rechtlos und geknechtet im Hause ihrer Mutter und deren Liebhaber leben muß. Und dieser selbst, Aigisthos, muß er nicht die Atriden hassen um das, was man seinem Geschlecht angetan hat? „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, dieses alttestamentarische Prinzip erfüllt sich hier auf schrecklichste Weise. Erscheint uns aber deshalb Chrysothemis, die solche Gefühle nicht in sich aufkommen läßt, als edler? Oder arrangiert sie sich bloß aus philiströser Feigheit mit den Machthabern? Darf man das himmelschreiende Unrecht, das auf ihr und ihrer Schwester lastet, unwidersprochen bestehen lassen?

Liegt diese Epoche verwirrender schicksalsbestimmender Emotionen und Ressentiments wirklich schon mehr als zweitausend Jahre hinter uns, oder wirken sie nicht vielmehr auch heute noch, nur spärlich durch den weichen Mantel der Wohlstandsgesellschaft verhüllt, mit kaum gebrochener Gewalt? Wie lange ist es her, seit blindgläubige Nazifanatiker haßerfüllt geschrien haben: „der Jud‘ ist schuld!“ Und hat sich nicht die breite Masse feige, aus allerdings nur allzu begründeter Angst um das eigene Leben, mit den Machthabern solidarisiert und dadurch dieses Terrorregime überhaupt erst ermöglicht? Wird nicht heute noch an allen Ecken der Welt unverdient erlittenes Leid mit neuem Leid vergolten, das wieder Rache fordert – und so endlos weiter. Machen sich nicht gewissenlose Diktatoren, dieses unaufhörlich rollende Rad von Schuld und Vergeltung geschickt für ihre Zwecke zunutze? Geschieht nicht ähnliches tagtäglich im ehemaligen Jugoslawien, in weiten Teilen Afrikas, in Plästina und an ungezählten anderen Orten? Wie würden wir selbst in ähnlicher Situation empfinden und reagieren?

Einzig Orest selbst scheint mit kühler Überlegung der Gerechtigkeit genüge zu tun; er handelt nicht aus Haß, sondern im göttlichen Auftrag Apolls. Und dennoch verfolgen ihn sogleich die Erinnyen, die Rachegeister der toten Mutter – oder er wird, wie es uns Euripides (Orestes Vers 396) schildert, von der Stimme seines Gewissens (syneisis, später syneidesis) gequält. Danach gefragt, was ihn quäle, läßt Euripides Orest antworten: „Das Bewußtsein darum, daß ich von mir selbst aus weiß, etwas Schreckliches getan zu haben.“ Ein einzigartiger Moment in der Menschheitsgeschichte ist damit bezeichnet, wenn hier erstmals vom Gewissen gesprochen wird, von einer Fähigkeit, die die Menschheit vordem nicht kannte, obwohl ihr schon im 1. Buch Moses als Folge des Sündenfalls prophezeit wurde, daß „ihr wie Gott sein werdet, indem ihr Gutes und Böses erkennt.“ Jetzt erst beginnt sich dieses Wort aber wirklich zu erfüllen. Bis dahin ließen sich die Menschen, die sich noch kaum als Individuum, sondern als unabtrennbares Glied ihrer sozialen Gemeinschaft, ihres Stammes oder Volkes, fühlten, von der Stimme der Götter lenken, die entweder unmittelbar in mystischer Versenkung, oder durch Priester und Volksführer, denen sie vertrauensvoll folgten, zu ihnen sprach; oder sie ließen sich von den blinden Emotionen leiten, die aus der Tiefe ihres Wesens hervorbrachen und die vielfach als dämonische Mächte empfunden wurden. So entfaltete sich das menschliche Leben lange Zeit zwischen göttlicher Beseligung und dämonischer Besessenheit, und der Mensch war bloß der willenlose Schauplatz, auf dem Götter und Dämonen ihre Kämpfe austrugen. Heute, in unserer „aufgeklärten“ Zeit, spricht man kaum mehr von göttlicher Beseligung – ob wir allerdings ganz frei von den Dämonen sind, die in den unterbewußten Tiefen unserer Seele walten, sei dahingestellt.

Wesentlich hat sich im Zuge der Jahrtausende das Profil menschlicher Auseinandersetzungen gewandelt. Dem Kollektivbewußtsein der alten Zeiten entsprechend standen ehemals Völker gegen Völker, Stamm gegen Stamm, Familie gegen Familie. Die Blutrache war weit verbreitet. War irgend ein Mitglied eines Stammes oder einer Familie getötet worden, so tötete man dafür ein beliebiges Mitglied des feindlichen Stammes – ganz egal, ob dieses nun durch seine Taten persönlich Schuld auf sich geladen hatte oder nicht. Und als ehrlos und dem Willen der Götter widersprechend hätte man es empfunden, nicht derart Sühne zu fordern. Blut fordert Blut – das ist das unausweichliche Gesetz der alten Welt. Nicht Individuen, sondern die durch die Abstammung, durch die Blutsbande begründeten Kollektive stehen einander feindlich gegenüber. Von persönlicher Schuld, von individueller Sünde, wird noch kaum gesprochen. Am Anfang steht die von Generation zu Generation sich fortschleppende Erbsünde, die kollektive Schuld der ganzen Menschheit. Vieles davon wirkt bis zum heutigen Tage nach, wo immer noch Familienclans gegeneinander kämpfen und der Kriegsruf „für Volk und Vaterland!“ ertönt. Daß sich dieses Bild aber längst zu wandeln begonnen hat ist unverkennbar. Immer mehr tritt das Individuum in den Vordergrund, während sich die Volks– und Stammesgrenzen zu verwischen beginnen. An die Stelle des Kampfes der Kollektive tritt immer stärker die Auseinandersetzung der Individuen, und was an nationalistischen Impulsen heute an vielen Orten wieder aufflammt, ist das letzte Aufbäumen eines längst überständigen Prinzips. Immer mehr gehen die Bruchlinien, die die Menschen entzweien, quer durch alle Völker, Rassen und soziale Schichten. Der Kampf aller gegen alle ist die drohende Zukunftsperspektive: der Kampf der Kinder gegen ihre Eltern, gegen ihre Lehrer, gegen die gesamte Gesellschaftsordnung; der als fruchtbarer Konkurrenzkampf hochstilisierte Vernichtungskrieg der Unternehmer gegeneinander; die Rivalität der Arbeitnehmer um die rarer werdenden Arbeitsplätze oder um die der Gemeinschaft abgerungenen Sozialleistungen; die Entzweiung von Mann und Frau, durch die die Ehe immer mehr zerbricht ... – man könnte diese Liste endlos fortsetzen.

Aber nicht nur, was die Menschen entzweit, sondern auch das, was sie in Liebe verbindet, hat sich immer mehr gewandelt. Alle Liebe war in alten Zeiten auf die Blutsbande gegründet. Die Nahehe unter eng Verwandten war an der Tagesordnung und jedes „fremdgehen“ zu einem anderen Stamm oder Volk streng verpönt. Kaum war ein schlimmeres Verbrechen möglich, als das Blut des eigenen Stammes zu vergießen, ein Vergehen, das notwendig zur Selbstzerfleischung eines ganzen Geschlechts führen mußte. Die und nur die zu lieben, denen man durch die Geburt verbunden war, war oberstes Gebot. Den ägyptischen Pharaonen erschien die Geschwisterehe als das geeignete Mittel, ihre Herrscherdynastie zu stärken – ein auf Vererbung gegründetes Adelsprinzip, das einst eine große Rolle in der Menschheitsgeschichte spielte, dann aber immer mehr zur völligen Dekadenz führte. Zurecht ist daher heute der Inzest in weitesten Teilen der Menschheit verpönt. Auch Aigisthos, der Mörder des Agamemnon, soll einer solchen inzestuösen Beziehung entstammen; so wissen es jedenfalls die meisten Erzähler zu berichten. Thyestes soll nach der Abschlachtung seiner Söhne nur eine Tochter, Pelopia, verblieben sein. Nach einer Darstellung wurde Thyestes durch das delphische Orakel angewiesen, daß er den Rächer seines Hauses mit der eigenen Tochter zeugen solle. Anderen Erzählern zufolge nahte sich Thyestes seiner Tochter in einer Nacht, in der Athene ein Opfer dargebracht wurde. Pelopia führte bei diesem Fest den Reigen der Jungfrauen. Dabei glitt sie aus und befleckte ihr Kleid mit dem Blut des Opfertieres. Um sich reinzuwaschen, eilte sie zum Fluß und entkleidete sich. Thyestes, der sich im Ufergebüsch versteckt hielt, fiel mit verhülltem Haupt über sie her. Bald darauf gebar sie einen Knaben und setzte ihn aus. Eine Ziege ernährte den Knaben, und daher hieß er Aigisthos, der blutige Rache an den Atriden nehmen sollte.

Die alten Blutsbande beginnen in der frühgriechischen Zeit zu zerbrechen, nirgends wird das so deutlich geschildert wie in dem tragischen Schicksal von Tantalos Geschlecht, das sich mehr und mehr frevelnd an der Götterwelt durch Hochmut, Machtgier und Eitelkeit selbst zerstört, und das in dem Drama der Elektra seinem Höhepunkt zueilt. Der geliebte Vater wurde ihr grausam entrissen und von ihrer Schwester, die sich mit den Mördern ihres Vaters arrangiert, trennen sie tiefe Abgründe. Als sie auch noch den heiß ersehnten Bruder tot wähnen muß, scheinen ihr alle Liebesbande grausam zerrissen: „Einsam bin ich, deiner beraubt wie auch des Vaters, und dienen muß ich wieder den mir zumeist verhaßten Menschen, den Mördern meines Vaters! Hab ich‘s nicht gut getroffen?“ Ganz allein auf sich selbst gestellt, steigert sich in ihrer Seele der unentrinnbar scheinende teuflische Kreislauf von Haß, Rachsucht und bitterstem Leid immer mehr. Das sind aber zugleich die Geburtswehen ihrer unverwechselbaren ganz individuellen Persönlichkeit. Und das ist es gerade, wodurch uns ihr Charakter, egal ob wir uns zustimmend oder ablehnend zu ihm stellen mögen, so nahegeht. Sie zeigt uns die Individualität als ein Werdendes, sie überschreitet die Grenze zwischen einer alten und einer neuen Welt, und, wie Josef Weinheber treffend sagt, „immer werden an den Grenzen groß die Gefühle. Denn im Übergang ist Weihe und Muß und jene Todkraft des Opfers.“ Und niemand ist heute, der, freilich glücklicherweise meist nicht unter so schrecklichen äußeren Rahmenbedingungen, in innerer Seelendramatik diese Geburtswehen seines unverwechselbaren, einzigartigen Ichs durchleben müßte. Das gilt ganz besonders für unser an innerer und äußerer Dramatik so reiches Jahrhundert, und nicht zufällig wurde gerade mit diesem Jahrhundert zugleich die Psychoanalyse geboren, um den Menschen, wie ungeschickt auch immer, in ihrem seelischen Leid beizustehen. Freilich gab es schon in den früheren Jahrhunderten immer wieder Menschen, die diesen Prozeß vollziehen mußten und sich in ihrem Wirken ganz auf sich selbst gestellt haben. Die breite Masse aber fühlte sich noch instinktiv von dem sozialen Kollektiv getragen, dem sie angehörte. Diese Zeit ist für weite Teile der Menschheit, namentlich für die sogenannte westliche Welt, endgültig vorbei, und viele müssen heute durchleben, was früher wenigen vorbehalten war.

Nicht, daß die Menschen nicht früher auch unter den unterschiedlichsten Lebensbedingungen oft Schrecklichstes zu erleiden gehabt hätten; aber daß sie mit diesem Leid ganz auf sich selbst allein gestellt sind, ist das Neue, das uns Elektra als eine der ersten vorlebt. Kaum mehr kann heute beseligendes Gottvertrauen dieses Leid lindern; wenn man überhaupt noch an die Götter glaubt, mit denen man ohnehin schon längst nicht mehr in regem geistigen Verkehr steht, wie in den alten Kulturen, dann macht man ihnen höchsten noch Vorwürfe darüber, daß sie all dies Leid in der Welt zulassen können. Selbst der Chor, das Urbild der kollektiven Gemeinschaft, muß angesichts Elektras Qualen ausrufen: „Wo sind deine Blitze Zeus? Wo deine Strahlen Helios? wenn ihr dies schaut und euch verbergt?“ Überall dort setzt endlich die Götterdämmerung ein, wo die Individualität geboren wird. Einstmals haben die Menschen überall in der Natur, überall in den sozialen Zusammenhängen das göttliche Wirken unmittelbar erlebt. Vom Jenseits war damals nicht die Rede, denn was wir heute so bezeichnen würden, war damals mindestens genauso gegenwärtige und diesseitige Tatsache wie die äußere Welt. In der frühgriechischen Zeit ist aber die Kluft zwischen Diesseits und Jenseits schon längst aufgerissen. Stand man ehemals noch mit den verstorbenen Ahnen in engem geistigen Kontakt, so fühlt man sie jetzt in ein düsteres jenseitiges Schattenreich verbannt. „Lieber ein Bettler in der Oberwelt, als ein König im Reich der Schatten“ - so tönt uns der Klageruf des gefallenen Achilleus aus der Unterwelt entgegen. Der Tote verliert sich für immer in der ewigen Finsternis, und so muß auch der Chor der trauernden Elektra gestehen: „Doch niemals wirst du aus des Hades allesverschlingendem See den Vater wieder auferstehen lassen mit Totenklagen noch Gebeten.“ So wurde der Individualismus zugleich zum entscheidensten Wegbereiter des ödesten und sinnentleertesten Materialismus, indem auch noch der leiseste Schatten des Jenseits verschwunden ist: “... dann muß der Mensch endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, daß er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.” (J. Monod)

Daß alles Dasein leidvoll ist, das hat auch der indische Prinz Siddhartha Gautama, der spätere Buddha, der zehn Jahre vor der Geburt des Sophokles gestorben ist, als die erste seiner vier edlen Wahrheiten erkannt. Und daß die Wurzel dieses Übels mit der Ichwerdung zusammenhängt, wurde ihm ebenfalls klar, und so forderte er, daß das Ich im leidlosen Zustand des Nirwana, befreit vom Wahn der Selbstheit, endgültig verlöschen soll. Nur so kann das endlose Rad der steten Wiedergeburt - an die fast alle orientalischen Völker glauben– in die leidvolle Erdenwelt angehalten werden. Liebe und Mitleid zu allen Erdenwesen zu entwickeln, ganz unabhängig von irgendwelchen Blutsbanden, sind die Mittel dazu.

Auch das Abendland hat die Gefahren der Individualisierung erkannt, und auch hier spielen Liebe und Mitleid zu allen Menschen und zur ganzen Welt eine wesentliche Rolle. Aber ganz im Unterschied zum Orient soll das Ich nicht verlöschen, sondern im Gegenteil immer mehr gestärkt werden, bis es sich in Liebe mit der ganzen Welt vereint. „Du bist Petrus, das heißt Fels; und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“ - dieser Fels ist nichts anderes als das menschliche Ich, das unverrückbar den brandenden Wogen ungezügelter Emotionen, die nach Rache und Vergeltung dürsten, standhält, und die wahre Kirche ist die durch keinerlei natürliche Instinkte erzwungene, freie geistige Gemeinschaft aller menschlichen Individualitäten. Das Ich ist rein geistiger göttergleicher Natur – „Ihr seid Götter!“ spricht der Herr – und trägt in sich die Kraft, aus sich selbst heraus zu wissen, was gut und was böse ist. Die alte orientalische Weisheit, die die soziale Gemeinschaft der Menschen ordnete, ist, wenn sich auch noch so viele Dokumente dieser Zeit erhalten haben, längst verklungen. Das menschliche Ich ist nun auf sich selbst gestellt – „Da steh ich nun ich armer Tor!“ - aber im innersten seines Herzens trägt nun jeder Mensch den Keim eines neuen Wissens, aus dem er selbstverantwortlich gute Taten setzen kann, die sich nicht auf Rache und Vergeltung, sondern auf Liebe, Mitleid und Vergebung gründen. Dieser Weg hat eben erst begonnen, und zwei Jahrtausende sind nichts im Rahmen der menschheitlichen Entwicklung. Wie es weitergehen wird, liegt nun in unserer Hand; aber erfüllen kann sich für jeden die zentrale Idee der mittelalterlichen Parzival-Erzählung: „Der reine Tor, durch Mitleid wissend!“

Wolfgang Peter